Wanzen, Zikaden, etc.

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Die Bodenwanze Oxycarenus pallens (Heteroptera: Oxycarenidae) erreicht Bayern. Mitgeteilt von Markus Bräu am 14.02.2018

Einleitung: Oxycarenus pallens ist in der südlichen paläarktischen Region weit verbreitet und kommt vom Mittelmeerraum durch Asien bis nach Nordchina vor (Wachmann et al. 2007). Bis zum Erstfund für Deutschland im Jahr 2004 (Rietschel & Strauss 2006) reichte das bekannte mitteleuropäische Verbreitungsgebiet vom Mittelmeerraum bis Zentralfrankreich westlich der Alpen und östlich davon bis ins östliche Österreich (Niederösterreich, Wien). Im Burgenland (um den Neusiedler See) traf der Autor die Art vielfach und häufig an. Seitdem gab es in Deutschland Neufunde in Sachsen (Dietze et al. 2006) im Jahr 2005 und im Jahr 2007 in Rheinland-Pfalz (Simon 2007). 2017 wurde O. pallens nun auch für Hessen von der Griesheimer Düne bei Darmstadt gemeldet (Schneider & Dorow 2017). In diesem Beitrag werden Funde aus Bayern mitgeteilt.

Die Bodenwanze Oxycarenus pallens (Heteroptera: Oxycarenidae)

Die Bodenwanze Oxycarenus pallens (Heteroptera: Oxycarenidae)

Nachweisdaten: Am 20.6.2016 war es dem Autor (unter Begleitung eines Sicherheitspostens) erlaubt, anlässlich eines Besprechungstermins zu einem Umbauprojekt den ansonsten nicht öffentlich zugänglichen Rangierbahnhof Nord in München zu betreten. Bei kursorischem Keschern nebenbei gelang dort der Fund eines Einzeltiers von Oxycarenus pallens. Unklar musste zunächst bleiben, ob es sich um ein mit Güterwaggons verschlepptes Einzeltier handelte, oder um eine Population. Eine Nachsuche im Herbst desselben Jahres im näheren Umfeld des Rangierbahnhofs blieb erfolglos ‒ wohl nicht zuletzt, weil kaum geeignete Wirtspflanzen gefunden wurden. Von Erfolg gekrönt waren dagegen Käscherfänge am 22.8. sowie am 25.8.2017 an anderer Stelle. Die Art wurde am 22.8. in größerer Zahl auf einer lückig bewachsenen, trockenwarmen Ruderalflur in ebener Lage und an einer südexponierten Böschung mit wärmeliebendem, ruderalisiertem Saum, sowie weiter westlich in geringerer Menge auf einer erst im Herbst gemähten Wiesenbrache im Stadtteil Lerchenau gefunden. Diese Fundorte befinden sich nur bis zu 200m vom Bahn-Nordring entfernt, der sich vom Rangierbahnhof nach Osten fortsetzt. Am 25.8. konnte O. pallens in Anzahl im Stadtteil Allach in einer trockenwarmen Staudenflur gefunden werden, die jedoch ebenfalls nur rund 300m südlich des Rangierbahnhofs liegt. Da zumindest am erstgenannten Fundort auch zahlreiche Larven nachgewiesen wurden, ist von einer wenigstens vorläufig erfolgreichen Etablierung der Art in München auszugehen.

Lebensweise: Die Art lebt in wärmebegünstigten Lebensräumen auf Flockenblumen-Arten (Centaurea spp.). Gelegentlich soll sie auch an andere Korbblütler gehen (Wachmann et al. 2007). Die Eiablage erfolgt an den Blütenköpfen nach der Überwinterung ab Ende Mai, die Larven häuten sich von Juli an zur Imago. Die in München gefundenen Tiere lebten an Rispen-Flockenblume (Centaurea stoebe) und Skabiosen-Flockenblume (C. scabiosa), an einem der Fundorte dagegen in geringer Zahl an Wiesen-Flockenblume (C. jacea). Dort fehlten die beiden anderen Wirtspflanzen.

Diskussion: Sehr wahrscheinlich wurden die 2017 in München gefundenen Habitate vom Rangierbahnhof München Nord aus besiedelt, in dem die Art als erstes gefunden wurde. Dies muss jedoch noch nicht zwangsläufig bedeuten, dass eine Verschleppung vorliegt, da das Gelände eine ausgesprochene Wärmeinsel bildet und daher der xerothermophilen Art besonders günstige Lebensbedingungen bietet. Daher wäre es interessant zu wissen, ob weitere Funde aus Bayern vorliegen. Damit könnte vielleicht auch der Einwanderungsweg nachvollzogen werden. Neben der anzunehmenden Ausbreitung über einen westlichen Ausbreitungskorridor ist offensichtlich auch noch eine Ausbreitung von Osten her zu verzeichnen. In Südmähren war die Art früher selten und zeigte andererseits in den vergangenen Jahren eine starke Vergrößerung der Populationen und eine Ausbreitung nach Norden Stehlík, & Vavínová (1997). Für Sachsen wird eine Herkunft aus dieser Region angenommen, für den Erstfund wurde dort eine Einschleppung mit Pflanzenmaterial im Zuge der Rekultivierung der Halde, wo der Erstnachweis gelang (Dietze et al. 2006). O. pallens hat sich mittlerweile im Dresdner Elbtal etabliert, wobei die Populationsgrößen je nach sommerlicher Witterung stark schwanken. Dafür, dass eine eigenständige weitere Ausbreitung auch über größere Distanzen möglich ist, spricht die genannte Neubesiedlung Hessens: Da die Art bereits zehn Jahre zuvor von Simon (2007) von dem ca. 16 km entfernten "Oppenheimer Steinbruch" gemeldet wurde, wird der Erstfund auf der "Griesheimer Düne" als aktive Ausbreitung interpretiert (Schneider & Dorow 2017). Die Art ist als Gewinner der Klimaveränderung einzustufen und dürfte sich auch in Bayern weiter ausbreiten.

Aufruf: Um besseren Aufschluss über das Ausbreitungsgeschehen dieser Art zu bekommen, wird gebeten, etwaige Funde der leicht identifizierbaren Art an den Autor zu melden. Gerne können bei Bestimmungsunsicherheiten auch Exemplare zur Überprüfung zugeschickt werden.

Literatur: Dietze, R., Münch, M. & Vogel, D. (2006): Bemerkenswerte Funde von Wanzen in Sachsen (Heteroptera). Sächsische Entomologische Zeitschrift 1 (2006): 1-31.  Rietschel, S. & Strauss, G. (2006): Neunachweise von drei Wanzen-Arten (Hemiptera, Heteroptera) für Baden-Württemberg.Carolinea 63, 201-208.  Schneider, A. & Dorow, W. H. O. (2017): Erstnachweis von Oxycarenus pallens (Herrich-Schaeffer, 1850) für Hessen und neue Nachweise von Oxycarenus lavaterae (F., 1787) in Hessen. Heteropteron 50: 37-40.  Simon, H. (2007): 1. Nachtrag zum Verzeichnis der Wanzen in Rheinland-Pfalz (Insecta: Heteroptera). Fauna Flora Rheinland-Pfalz 11, 109-135.  Stehlík, J.L. & Vavínová, I. (1997). Results of the investigations on Hemiptera in Moravia made by the Moravian Museum (Lygaeidae 1).  Acta Musei Moraviae, Scientiae naturales 81, 231-298.  Wachmann, E., Melber, A. & Deckert, J. (2007): Wanzen Band 3 Pentatomomorpha I Aradidae, Lygaeidae, Piesmatidae, Berytidae, Pyrrhocoridae, Alydidae, Coreidae, Rhopalidae, Stenocephalidae. - Die Tierwelt Deutschlands und der angrenzenden Meeresteile nach ihren Merkmalen und nach ihren Lebensweisen 78. Keltern. 272 S.  Zitiervorschlag: Bräu, M. 2017: Die Bodenwanze Oxycarenus pallens (Heteroptera: Oxycarenidae) erreicht Bayern.. Faunistische Mitteilung, Arbeitsgemeinschaft bayerischer Entomologen, website abe-entomofaunistik.org [14.02.2018]. Anschrift des Verfassers: Markus Bräu, Amperstraße 13, 80638 Müchen